Das Karussell der Hormone: Ein Überblick über das Hormonsystem und seine zahlreichen Interaktionen
Ja, wen haben wir denn da!?
Sprechen wir über das Hormonsystem ist ein großes Konstrukt gemeint, dass aus mehreren Drüsen besteht, und aus Geweben, die am endokrinen System beteiligt sind, ohne Hormondrüsen zu sein – zum Beispiel das Fettgewebe, die Nieren oder auch das Herz. Bei den Hormondrüsen selbst ist es der Hypothalamus (Sitz: Gehirn), der die Abläufe wie beispielsweise die Atmung oder den Blutdruck einsteuert, und als „Chef“ für die Regulation des Hormonsystems zuständig ist. Auch die Bremse, das sogenannte Somatostatin, wird hauptsächlich hier sezerniert.
Im zweiten Schritt ist die Hypophyse (Sitz: Gehirn) dran, die „Vorarbeiterin“, die mit ihren Steuerhormonen anderen Drüsen mitteilt, ob sie mehr oder weniger arbeiten müssen. Das bekannteste Steuerhormon ist vermutlich das TSH, welches die Schilddrüse (verantwortlich vor allem Regulation der Stoffwechselvorgänge des Körpers, Sitz: ventral im Hals, hinter dem Kehlkopf) ansteuert.
Außerdem koordiniert die Hypophyse die Nebennieren (insbesondere zuständig für eine effektive Stressantwort, Stressresistenz und vor allem der Alltags-Wachheit, Sitz: auf den Nieren) und die Gonaden (Hoden/Eierstöcke für die Fortpflanzung) inklusive der Anregung der Bildung von Eizellen oder Spermien über die Hormone FSH/LH. Prolaktin (Milchbildung) oder auch Somatotropin zur Regulation von Wachstum und Zellregeneration werden von der Hypophyse ebenso ausgeschüttet. Im Gehirn sitzt außerdem die Epiphyse, welche unser Schlafhormon Melatonin sezerniert. Außerdem haben wir selbstverständlich das Pankreas (Sitz: mittlerer bis linker Oberbauch, retroperitoneal), welches als einziges das Insulin sezerniert, welches den Blutzuckerspiegel senken kann, außerdem Glucagon, was selbigen anhebt.
Der TSH-Fehler
Wird untersucht, ob die Schilddrüse an einer Hypo- oder Hyperthyreose leidet, wird für gewöhnlich das TSH zur Rate gezogen. Ist der Wert oberhalb des Referenzbereiches gilt dies hinweisend für eine Schilddrüsenunterfunktion, unterhalb des Referenzbereiches für eine Schilddrüsenüberfunktion.
Warum? Schüttet die Schilddrüse zu wenig Hormone aus, reagiert die Hypophyse mit einem TSH-Anstieg: Sie wird quasi lauter, damit die Schilddrüse endlich tut, was sie soll. Ist die Schilddrüse jedoch bereits hyperaktiv, braucht die Hypophyse nicht rumzuschreien, sie wird – unserem Bild nach – leiser, d.h., der TSH-Wert sinkt.
Was ist denn nun der TSH-Fehler? Ich nenne es so, weil wir mit der TSH-Messung zwar einen Wert erhalten, der eine Ableitung auf die Schilddrüsenfunktion zulässt, aber nicht zwingend zu einer korrekten Diagnose führt. Es wäre schließlich denkbar, dass die Hypophyse gar nicht auf einen zu bemängelnden Schilddrüsenhormonwert reagiert, sondern dass die Hypophyse möglicherweise nicht richtig arbeitet und stattdessen zu viel oder zu wenig ausschüttet. Damit hätten wir mit dem TSH-Wert keine Beurteilung der Schilddrüsenfunktion, sondern vielmehr eine Bewertung der Hypophysenfunktion. Um diesen Fehler zu vermeiden müssen, neben TSH, unbedingt auch die Hormone der Schilddrüse T4 und T3 mit geprüft werden. Nur dann kann eine realistische Aussage getroffen werden, ob eine Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion vorliegt, und ob diese primär (von der Schilddrüse ausgehend) oder sekundär (von der Hypophyse ausgehend) ist.
Dieser Grundsatz gilt für alle Steuerhormone, also beispielsweise auch für das ACTH (Stressachse/Kortisol).
Wechselwirkungen und Ratio
Nun wird das Ganze noch komplexer: Wir dürfen uns nicht nur isoliert die einzelnen Hormondrüsen und ihre Funktionen anschauen. Vielmehr haben die Hormondrüsen Wechselwirkungen untereinander, die viel zu oft unbekannt sind. Wir sehen definitiv nur ein Teil der Wahrheit, wenn wir uns wie unter einer Lupe auf eine einzige Drüse konzentrieren. Ist eine Drüse in Schräglage, sind es andere wahrscheinlich auch: So bremst beispielsweise ein anhaltend hoher Kortisolspiegel den Umbau des Schilddrüsenhormone T4 zu T3, Progesteron und DHEA stärken die Schilddrüsenaktivität, Östradiol hat einen Effekt auf die Adrenalinwirkung usw.
Überdies muss die Ratio, sprich das Verhältnis zwischen bestimmten Hormonen, passen. Ein Ungleichgewicht der Ratio kann auch bei im Referenzbereich befindlichen Hormonen zuschlagen. Dieser Effekt kommt z.B. bei Östradiol und Progesteron vor: Es kann eine Östrogendominanz vorliegen, obwohl sich die Werte im Referenzbereich befinden, schlicht, weil das Verhältnis zueinander falsch ist.
Beeinflussung durch andere Faktoren
Aber auch weitere Parameter können das Hormonsystem nachteilig beeinträchtigen. Hier sind Nährstoffmängel zu nennen, außerdem Darmdysbiosen, Inflammationen, chronische Erkrankungen, Über-/Untergewicht, Essstörungen, Alkohol-/Nikotin-/Drogenabusus, Umwelthormone, Wechselwirkungen mit notwendigerweise einzunehmenden Medikamenten usw.
Ohne das Hormonsystem läuft gar nichts.
Selbstverständlich können all diese Drüsen noch viel mehr, es gibt deutlich mehr Interaktionen und Wissenswertes – aber das führt in diesem Blog zu weit, das Thema füllt Bücher. Dieser kurze Überblick macht jedoch klar, dass es wichtig ist, das Hormonsystem in Gänze zu verstehen und bei einer Diagnostik über den Tellerrand einzelner Drüsen hinauszuschauen. Denn ohne das Hormonsystem läuft in unserem Körper… Genau: Gar nichts.
Eine hormonelle Dysbalance ist demnach kein hinfort zu winkendes Pillepalle-Syndrom, sondern es wird sehr schnell zu einem ernsthaften Problem, einer ernsthaften Erkrankung. Hypertonie, Burn-Out, Inflammationen, Schwindel, Gewichtsprobleme, Depressionen, CFS usw. – sie alle haben eines gemeinsam: Oft sind Hormonprobleme daran beteiligt oder ursächlich.
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