PMDS. Wenn PMS plötzlich ein anderes Gesicht bekommt.

Im letzten Blog ging es um PMS und darum, warum Beschwerden vor der Periode eben nicht einfach dazugehören. Falls du ihn noch nicht gelesen hast: Unbedingt zuerst dort anfangen. Denn das PMDS-Wissen baut gewissermaßen auf dem PMS-Wissen auf – geht aber noch deutlich weiter.

PMDS (Prämenstruelles dysphorisches Syndrom), auch PMDD (Premenstrual Dysphoric Disorder) genannt, ist die schwerste Form des PMS. Und nein: Es handelt sich dabei nicht um ein bisschen mehr schlechte Laune. Sondern um eine Erkrankung, die das gesamte Leben auf den Kopf stellen kann.

Wenn plötzlich nichts mehr geht.
Viele Frauen beschreiben, dass sie sich wenige Tage vor der Menstruation bzw. teilweise ab dem Eisprung selbst kaum wiedererkennen. Die Reizbarkeit kann extreme Ausmaße annehmen: Plötzlich reagiert Frau ungewöhnlich aggressiv oder verliert deutlich schneller die Kontrolle über ihre Reaktionen. Die Konzentration lässt nach, selbst kleine Alltagsaufgaben wirken plötzlich riesengroß und das Bedürfnis nach Rückzug wird immer stärker. Hinzu kommen oft depressive Verstimmungen. Bestehen bereits andere psychiatrische Erkrankungen, können sich diese in dieser Phase zusätzlich verschlechtern.

Mit Beginn der Menstruation verschwinden die Beschwerden häufig wieder fast vollständig. Bis zum nächsten Zyklus. Das tückische am PMDS ist, dass man selbst das Gefühl bekommt, man wäre zwei verschiedene Personen. Und man müsste sich irgendwie besser unter Kontrolle haben. Aber nicht vergessen: Hormone sind weit mächtiger als unsere Selbstdisziplin, und wenn das Hormonsystem in seiner Dysbalance die Kontrolle an sich reißt, wird der Alltag schwer.

Hormone? Ja. Aber nicht nur.
Wie bereits beim PMS lohnt sich auch hier der Blick auf die Hormone – allerdings liegt das Problem meistens nicht (nur) an zu viel oder zu wenig Östrogen und Progesteron. Die Wissenschaft weiß heute, dass es sich vermutlich u.a. um eine genetisch bedingte, extreme Überempfindlichkeit des Gehirns handelt, auf die ganz normalen hormonellen Schwankungen in der zweiten Zyklushälfte übermäßig reagiert wird. Außerdem geht man heute davon aus, dass bei vielen Betroffenen die Wirkung von Allopregnanolon gestört ist. Dieses Stoffwechselprodukt des Progesterons beeinflusst u.a. unser GABA-System – also genau den Teil unseres Nervensystems, der für innere Ruhe und emotionale Stabilität mit sorgen soll..

Doch damit hört die Diagnostik nicht auf.

Wie sehen die Schilddrüsenwerte aus? Liegt vielleicht eine Hypothyreose vor? Gibt es eine Hyperprolaktinämie? Wie steht es um Serotonin? Gibt es Hinweise auf eine genetische Veränderung der Serotoninrezeptoren? Liegt eine Histaminintoleranz vor? Was macht eigentlich der Darm?

Und ganz wichtig: Gibt es Vitamin- oder Nährstoffmängel? Vor allem Eisen, Magnesium und Vitamin D sollten sorgfältig überprüft werden. Solche Mängel können beispielsweise durch Darmerkrankungen oder auch Essstörungen entstehen. Aus meiner Praxis sehe ich außerdem immer wieder Zusammenhänge mit chronischen Darmentzündungen.

Spannend ist außerdem, dass Nährstoffmängel nicht nur mit PMS und menstrueller Migräne, sondern auch mit der Entstehung eines PMDS in Verbindung gebracht werden.

Bitte genau hinschauen.
Frauen mit PMDS verlieren nicht selten ihren Arbeitsplatz, ihre Partnerschaft oder wichtige Freundschaften, weil die Symptome so massiv werden können. Betroffene leiden selbst sehr darunter und brauchen dringend Unterstützung. Sie brauchen niemanden, der ihnen sagt, sie haben sich nicht im Griff oder seien „verrückt“! Es ist eine hormonelle, also körperliche, Erkrankung!

Zu jeder sorgfältigen Anamnese gehört übrigens auch die Frage, ob Selbstverletzungen, Gewalt gegenüber anderen oder Suizidgedanken bestehen oder in der Vergangenheit bereits aufgetreten sind. Falls ja, muss das unbedingt ernst genommen und Hilfsangebote vorgestellt werden.

Falls Du betroffen bist – bitte gib nicht auf!