Tausend Tabs im Kopf offen? ADHS systemisch verstehen
Tausend Tabs im Kopf offen? ADHS systemisch verstehen
Kennst du das? Du gehst in einen Raum und weißt nicht mehr, warum. Die Einkaufsliste liegt zu Hause, der Termin war gestern, und mitten im Gespräch hast du schon drei neue Ideen – aber keine Ahnung mehr, worum es eigentlich ging.
Oder das Kind sitzt vor den Hausaufgaben. Es will ja. Wirklich. Aber zwischen „Ich müsste anfangen“ und dem ersten geschriebenen Wort liegen gefühlt noch sieben andere Gedanken, ein dringend zu sortierendes Mäppchen und die Frage, ob Pinguine Knie haben. Und dann fliegt ein Schmetterling vorbei und alles ist vorbei.
Das kann ADHS sein. Muss es aber nicht.
Und genau da wird es interessant. Denn ein Symptom ist erst einmal ein Symptom. Es verrät uns noch nicht automatisch, woher es kommt.
ADHS ist nicht gleich „unordentlich“
ADHS ist eine neuroentwicklungsbedingte Andersartigkeit im Gehirn und heißt ausgesprochen Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Ein ganz eingängiger Name. Genetische Faktoren spielen dabei eine große Rolle. Die Symptome beginnen in der Kindheit, können sich im Laufe des Lebens verändern und bleiben bei vielen Betroffenen bis ins hohe Erwachsenenalter relevant.
Das ist keine Erziehungsfrage und kein Charakterfehler. Punkt.
Aber Konzentrationsprobleme, innere Unruhe und Impulsivität gibt es eben auch in anderen Zusammenhängen. Anhaltender Stress, Schlafmangel, psychische Belastungen oder körperliche Erkrankungen können ähnliche Beschwerden machen. Sie können eine bestehende ADHS verstärken – oder zusätzlich zu ihr auftreten.
Deshalb ist „Ich habe manchmal tausend Tabs offen“ noch keine Diagnose. Auch dann nicht, wenn es sich sehr treffend anfühlt. Die Diagnose braucht eine sorgfältige fachliche Abklärung: Wie lange gibt es die Schwierigkeiten schon? Wo treten sie auf? Wie stark beeinträchtigen sie den Alltag? Und was könnte sonst noch eine Rolle spielen? Und auch wenn wir heute wissen, dass ADHS eine sehr starke genetische Basis hat, lässt sie sich nicht durch einen einfachen Labortest nachweisen.
Die Kriterien beschreiben beobachtbare Symptome. Das ist wichtig. Aber eine Diagnose besteht nicht aus einem Instagram-Quiz mit besonders hohem Wiedererkennungseffekt.
Dopamin, Noradrenalin & Co. – im Zusammenspiel wird’s spannend
Bei ADHS spielen unter anderem Dopamin und Noradrenalin eine Rolle. Beide sind an Aufmerksamkeit, Motivation und Selbststeuerung beteiligt. Das Gehirn arbeitet dabei allerdings nicht mit einem einfachen „zu wenig hier, mehr davon da“-Regler. Ein Hormon bedingt ein anderes. Es ist ein gesamter Kreislauf mit verschiedenen Wechselwirkungen, die man alle überblicken sollte:
Dopamin wird gern als Motivator beschrieben, Noradrenalin als Scheinwerfer. Solche Bilder machen ihre Wirkeffekte greifbarer – und sie zeigen, wie spannend das Zusammenspiel der Botenstoffe ist. Was bei einem einzelnen Menschen genau passiert, erschließt sich aber erst, wenn wir das ganze System anschauen.
Manche Aufgaben fühlen sich für Betroffene unverhältnismäßig schwer an. Andere ziehen die Aufmerksamkeit so stark an, dass die Welt drum herum kurz Pause hat. Und ja, manche kommen erst unter Zeitdruck ins Tun. Das ist nicht automatisch Faulheit oder fehlender Wille. Manchen hilft eben erst der Druck beim Fokussieren. Das ist nichts schlimmes, und fällt zwar vielleicht unter Prokrastination – aber man sollte sich selbst keine Vorwürfe deshalb machen. Es ist alles gut.
Übrigens: Die Erklärung „zu wenig Dopamin, deshalb geht es nicht“ greift zu kurz. Das Gehirn ist ein faszinierendes Zusammenspiel – und je besser wir es verstehen, desto passender können wir unterstützen.
Ach, und was ist jetzt mit dem Darm?
Darm und Gehirn stehen in engem Austausch. Der Darm beeinflusst über Nerven, Immunsystem und Stoffwechsel auch Vorgänge im Gehirn. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn bei Beschwerden mitzudenken – und genau hinzuschauen, welche Zusammenhänge im individuellen Fall eine Rolle spielen.
Rund 90 Prozent des Serotonins im Körper werden im Darm gebildet. Dieses Serotonin gelangt aber nicht einfach ins Gehirn und füllt dort den Vorrat auf. Das Gehirn bildet sein Serotonin selbst, Serotonin aus dem Darm kann die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden. Die Zahl allein sagt also noch nicht, was im Kopf passiert – man kann bestenfalls Ableitungen treffen.
Auch Histamin spielt im Körper und im Nervensystem verschiedene Rollen. Histamin kennen die meisten vor allem im Zusammenhang mit Allergien. Im Gehirn wirkt es jedoch ebenfalls als Botenstoff und ist unter anderem an Wachheit und Aufmerksamkeitssteuerung beteiligt. Die Forschung untersucht deshalb, ob das Histaminsystem auch bei ADHS eine Rolle spielt. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass eine Histaminproblematik ADHS verursacht. Aber: Histaminüberschüsse, insbesondere in Kombination mit Dysbalancen des Darms oder des Dopaminhaushalts können ADHS-Symptome hervorrufen.
Wenn ADHS und Darmbeschwerden gemeinsam auftreten, lohnt sich ein genauer Blick auf die Darmgesundheit. Darm und Gehirn tauschen sich über verschiedene Wege aus und beeinflussen sich gegenseitig. Welche Rolle der Darm bei den Beschwerden eines Menschen spielt, zeigt sich im Gesamtbild und kann von Person zu Person unterschiedlich sein.
und man scrollt, scrollt, scrollt…
Viele schnelle Reize, dauernde Benachrichtigungen und stundenlanges Scrollen können den Alltag beeinflussen. Und wenn das Handy abends den Schlaf nach hinten schiebt, wird die Konzentration am nächsten Tag nicht gerade besser. Überraschung: Ein müdes Gehirn ist selten in Bestform.
Was wir daraus nicht machen sollten: „Social Media erzeugt ADHS“ oder „Die Dopaminrezeptoren werden davon unempfindlich.“ So einfach ist die Sache nicht. Dennoch ist es so, dass die Scrollerei ADHS-Symptome begünstigen kann (ohne, dass ein ADHS vorliegt), oder ein bestehendes ADHS verschlimmern kann. Bewegungsmangel verschärft den Zustand.
Und auch, wenn es ADHS vermutlich nicht als alleinigen Faktor auslösen wird – es beeinflusst eine social-media-Nutzung den Dopamin-Haushalt. Deshalb kann man die eigene Nutzung und seine tägliche Handy-Zeit anschauen. Mehr als ein bis zwei Stunden sind bei Erwachsenen definitiv zuviel, bei Kindern unter 12 Jahren ist social-media vollständig ungeeignet (sorry, Leute) und dann könnte man sagen, eventuell eine halbe Stunde begleitet und langsam steigern.
Schaut euch auch an: Was passiert mit dem Schlaf? Wie geht es mir nach einer Stunde Reels? Kann ich mich danach noch auf die Steuererklärung konzentrieren – oder möchte ich lieber wissen, wie ein Waschbär eine Katze aus einem Mülleimer rettet?
Bewegung hilft. Und Zappeln ist nicht immer der Feind.
Bewegung kann Aufmerksamkeit und Selbststeuerung unterstützen. Eine aktive Pause ist manchmal hilfreicher als die fünfte Ermahnung, jetzt endlich stillzusitzen. Das gilt für Kinder und Erwachsene. Wir sitzen ohnehin oft genug: im Auto, am Schreibtisch, vor dem Bildschirm. Der Körper hat sich das mit dem Menschenleben vermutlich etwas anders vorgestellt.
Manchmal ist Zappeln ein Versuch, mit Anspannung oder Aufmerksamkeit umzugehen. Das heißt nicht, dass jedes zappelnde Kind ADHS hat. Und Bewegung ersetzt keine Behandlung. Aber sie kann eine gute Stellschraube sein.
Vielleicht muss also nicht immer sofort das Zappeln weg. Vielleicht braucht das Kind erst einmal die Möglichkeit, sich zu bewegen – und danach klappt der nächste Schritt leichter. Muss man ausprobieren. Kinder sind bekanntlich keine genormten Küchengeräte mit identischer Bedienungsanleitung.
Was sonst noch mit hineinspielen kann
Wenn jemand Konzentrationsprobleme hat, schaue ich auch auf den Rest. Nicht, weil hinter jedem Symptom eine exotische Ursache lauert. Sondern weil Menschen nun einmal keine Sammlung voneinander unabhängiger Einzelteile sind, und sie auch in keine Schablone passen (sonst wären wir ja alle Kuchen geworden 😉 ).
Zum Beispiel:
- Schilddrüse: Eine Über- oder Unterfunktion kann unter anderem Unruhe, Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme mit sich bringen.
- Stress und Belastungen: Dauerstress kann Schlaf und Konzentration beeinträchtigen. Das ist belastend.
- Schlaf: Zu wenig oder schlechter Schlaf macht vieles schwerer. Manche Kinder werden dann nicht ruhig und schläfrig, sondern eher aufgedreht. Eltern kennen den Moment, in dem das Kind eigentlich seit einer Stunde müde ist und plötzlich aussieht, als hätte es einen Espresso inhaliert. Gilt aber nicht nur für Kinder, auch bei Erwachsenen sehen wir oft: Nach müde kommt blöd…
- Eisen und andere Nährstoffe: Ein Mangel kann Beschwerden verursachen oder verstärken. Bitte nicht einfach auf Verdacht alles einwerfen, was die Werbung als „Gehirn-Booster“ verkauft – vielleicht vorher mal messen, wie die Nährstofflage so aussieht.
- Zyklus und Geschlechtshormone: Manche Frauen bemerken Veränderungen ihrer Aufmerksamkeit oder inneren Unruhe im Zyklus. Wie immer ist eine differentialdiagnostische Abklärung unabdingbar.
- Psychische Belastungen und Trauma: Ein Nervensystem, das viel Alarm erlebt, kann wachsam und leicht ablenkbar sein. Auch das verdient eine eigene, sorgfältige Betrachtung. Gerade Traumatisierungen im Kindes- und Jugendalter lösen Kortisol- und (Nor-)Adrenalinausschüttungen aus. Das kann aussehen wie ein ADHS, ist aber ein PTBS.
Bitte: Diese Liste ersetzt selbstverständlich weder eine saubere Diagnose und Anamnese, noch ist es ein Therapieplan oder ein Heilversprechen…. Aber zur Orientierung unbedingt nutzen!
Wer ist eigentlich dieses „Ritalin“?
Ritalin enthält Methylphenidat. Vereinfacht gesagt hemmt der Wirkstoff die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin an bestimmten Transportern. Dadurch verändert sich die Verfügbarkeit dieser Botenstoffe an den Nervenzellen.
Wie schnell und wie lange ein Präparat wirkt, hängt auch von der Darreichungsform ab. „Eine halbe Stunde“ ist also keine Einheitsregel für jedes Präparat und jeden Menschen.
Für manche Menschen mit ADHS ist eine medikamentöse Behandlung sehr hilfreich. Sie gehört ärztlich begleitet. Bitte ein verordnetes Medikament nicht eigenständig absetzen oder verändern.
Methylphenidat heilt ADHS nicht. Aber es muss auch nicht heilen, um hilfreich zu sein. Eine Brille heilt die Kurzsichtigkeit schließlich ebenfalls nicht – und trotzdem ist es ganz praktisch, wenn man wieder etwas sieht.
Bei Personen ohne ADHS wirkt Ritalin wie ein Aufputschmittel: Man wird aufgekratzt, leicht euphorisch, selbstbewusster, fokussierter – Müdigkeit und Erschöpfung werden ausgeschaltet. Wer Ritalin nutzt, ohne wirklich ADHS zu haben, macht einen Medikamentenmissbrauch. Das bringt langfristig nicht nur den Botenstoffhaushalt im Gehirn durcheinander (Suchtgefahr und Erschöpfung), sondern zieht durch den chronischen künstlichen Stress auch tiefgreifende Störungen des Hormonhaushaltes nach sich.
ADHS ist nicht gleich ADHS
Und hier schließt sich der Blick auf das Ganze: Bei manchen Menschen liegt eine ADHS vor, deren Symptome durch Schlafstörungen, Angst, Depression oder andere zusätzliche Belastungen stärker in den Alltag hineinwirken. Bei anderen können andere Erkrankungen Beschwerden verursachen, die einer ADHS ähneln. Und manchmal kommt beides zusammen.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn sie entscheidet mit darüber, was abgeklärt und behandelt werden sollte – die ADHS, eine zusätzliche Belastung und/oder eine andere Ursache der Beschwerden.
„Verstehe das Hormonsystem und verändere Leben. Auch dein eigenes.“
(Heilpraktikerin Juliane Herzberg)
Im Gegensatz zu vereinfachten Hormonmodellen vermittelt diese Hormontherapie Ausbildung ein strukturiertes Verständnis hormoneller Regelkreise und ihrer Wechselwirkungen: Ein zentrales Anliegen der Fortbildung ist die Entwicklung eines fachlich präzisen Verständnisses hormoneller Prozesse. Die Teilnehmenden lernen, hormonelle Zusammenhänge und Laborbefunde sachlich zu strukturieren, differenziert zu interpretieren und ihre fachliche Einschätzung klar zu formulieren. Der Fokus liegt dabei ausdrücklich auf Verstehen, Einordnen und Abgrenzen – nicht auf Symptombehandlungen, Beschränkungen auf einzelne Phasen, Geschlechter oder spezifischer Lebensphasen.
Die Fortbildung wird von Juliane Herzberg geleitet. Sie ist Heilpraktikerin, Fachautorin und Expertin für systemische Human-Endokrinologie. Sie verfügt als Dozentin und Fachreferentin über langjährige Erfahrung in der Vermittlung komplexer hormoneller Zusammenhänge an Mediziner, medizinische Fachkreise und Heilberufler. In ihrer Lehrtätigkeit verbindet sie regulatorisches Denken und spannend greifbaren, bildhaften Erklärungen mit praxisnaher Einordnung. Juliane Herzberg legt besonderen Wert auf fachliche Klarheit und Verantwortung im Umgang mit hormoneller Komplexität. Die Ausbildung wurde auf Basis eines eigenständig entwickelten systemischen Ansatzes konzipiert und folgt einer klar strukturierten fachlichen Progression.
Der erfolgreiche Abschluss der Fachfortbildung wird mit einem Teilnahmezertifikat bestätigt, das die absolvierte Weiterbildung in systemischer Human-Endokrinologie nach Juliane Herzberg dokumentiert.
Start: 11. November 2026 – Sie können sich nun exklusiv vormerken lassen, um sich einen der begehrten Plätze der fachfortbildung für systemische humanendokrinologie zu sichern!
Wie? Schreiben Sie uns eine Email über unsere Adresse buero@systemische-humanendokrinologie.com !
PS: Die ZFU (Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht, Deutschland) beurteilte diesen Weiterbildungskurs mit der Zulassungsnummer 7561026 „fachlich auf höchstem Niveau und didaktisch sehr gut aufgebaut. Die Inhalte sind stringent strukturiert, logisch aufeinander abgestimmt und ermöglichen ein tiefes Verständnis der komplexen hormonellen Zusammenhänge. Für therapeutisch tätige Fachkräfte ist der Lehrgang uneingeschränkt geeignet und erfüllt die Erwartungen an eine anspruchsvolle medizinisch-therapeutische Fortbildung in vollem Umfang. […] Für Ärzt:innen, Heilpraktiker:innen und weitere Heilberufler ist der Lehrgang ohne Einschränkungen empfehlenswert. Die vermittelten Inhalte entsprechen dem fachlichen Niveau therapeutischer Fortbildungen und können unmittelbar in die Praxis umgesetzt werden.“
PPS: Der BDH (Bund deutscher Heilpraktiker) hat diese Ausbildung mit 43 Fortbildungspunkten zertifiziert.
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